Anna ist tot

von A.P.

Die 42-Jährige Schauspielerin Silvia Seidel, bekannt aus der Fernsehserie „Anna“ hat sich das Leben genommen. Ein Nachruf.

Ruhm und Erfolg sind keine Gratmesser für Glück. Die Schauspielerin war bereits als Kind berühmt und hatte sämtliche Voraussetzungen, von denen unsere zukünftigen Superstars und Sternchen nur träumen. Aber es half nicht. Es brachte nichts. Seidel entschied sich für den Tod und gegen das Leben. Mit 42 Jahren. Gott, ist das tragisch. Welcher Schmerz muss in einem Menschen wüten, um eine derart endgültige Verzweiflungstat zu rechtfertigen?

Sie war ein Vorbild für viele Kinder, denn Anna zeigte allen wie es geht. Trotz Handicaps schaffte sie es im Film ihres Lebens zur Ballerina. Sie zeigte Stärke. Und Schwächen, die sie in Stärken verwandelte. So wollen wir auch werden, wussten viele Mädchen. So wie Anna. Unser Vorbild.

Die Kinder hatten sich getäuscht, denn Anna war weder stark noch schwach. Sie war einfach nur ein Mensch.  Die Frau hat kapituliert, in einem Alter, welches endlich ein befreites Leben erlaubt, fern der Zwänge junger Erwachsener und Albernheiten der Kindheit. Aber sie entschied sich für etwas anderes: den Freitod. Die Tragödie wird einem erst bewusst, wenn wir uns in das Resultat einfühlen: nie wieder Milchkaffee aufschäumen, nie wieder Morgentau erleben und fühlen, endgültig woanders und damit nicht mehr unter uns.

Was kann diesen Schritt rechtfertigen? Angeblich hatte sie finanzielle Probleme und bekam nicht die Rollen, die sie sich wünschte. Sie spielte in bekannten und erfolgreichen Serien, wie Weißblaue Geschichten, Forsthaus Falkenau oder Die Rosenheim Cops. Wer das Unglück sucht, wird immer triftige Gründe finden. Wie auch ihre Mutter. Sie starb ebenso freiwillig und unnötig. Sie litt unter Depressionen. Annas Flucht aus der Realität war der Tragödie zweiter Teil. Eine traurige Familientradition.

Wer sind die Gewinner und Verlierer unserer Gesellschaft, war kürzlich das Thema einer Sendung von Sandra Maischberger im ARD. Geladen war unter anderem ein Milliardär mit schlechtem Ruf namens Carsten Maschmeyer. Versicherungsvertreter, Buchautor und aktueller Gatte von Veronica Ferres. Seine Präsenz nahm fast die ganze Sendung ein. Er vertrat die Seite der Gewinner.

Herr Maschmayer, ein Gewinner, fragte ich mich?  Und hatte starke Zweifel. Nach welchen Kriterien, Geld, Ruhm, Macht und einer Loge in Bayreuth? Wie steht es um sein persönliches kleines Glück? Ist der Mensch in oder mit seiner Rolle auch zufrieden? Was würde er am Sterbebett antworten, wenn wir ihn fragten, was in seinem Leben zu kurz kam. Wir wissen es nicht. Aber wir können mit gutem Gewissen behaupten, dass Anna nicht zu den Gewinnern gehörte. In dem Alter, als Frau Seidel bereits ein Star war, musste Herr Maschmayer noch mühselig Versicherungen verkaufen.

Dummerweise lud Frau Maischberger keine wahren Gewinner: Menschen, die täglich ihr kleines Glück oder größere Wunder erleben, indem Sie sich und andere liebevoll behandeln und mit dem zufrieden sind, was sie sind und was sie haben. Diese Menschen strahlen auf eine ganz bemerkenswerte Weise Lebendigkeit und Größe aus, denn sie stehen über den Lügen unserer monotonen und gefühlstauben Gesellschaft, die ständig nach sinnlosen Errungenschaften lechzt.

Silvia Seidel gehört nicht zu den Gewinnern. Dies können wir schamlos behaupten. Sie war depressiv und sehnte sich nach mehr, nach etwas anderem. Das was sie hatte, wer sie war, war nicht gut genug und das Andere werden wir jetzt leider nicht mehr erfahren. Wir wissen nicht, ob sie unter Depressionen litt, weil sie ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht wurde, oder ob der Umkehrschluss zutrifft. Wir wissen nur, dass Anna nie wieder tanzen wird.

Sie wird sich in Zukunft keine Rollen mehr aussuchen können. Und ich kann Anna nie wieder in den Arm nehmen, um ihr Mut zu machen, um ihr zu sagen: der Job, die Rolle und das Geld sind austauschbar. Scheiß drauf.

Nur das Leben zählt: die Menschen, die Dich lieben, wertschätzen und achten. Lass Dich nicht in die Irre führen, denn Du bist, so wie Du bist, der wertvollste Mensch auf diesem Planeten. Bleibe gelassen, denn wir lieben Dich. Immer. Und wir wünschen Dir, dort wo Du gerade weilst, ganz viel Licht, Wärme und Geborgenheit. Wir tragen Dich weiter in unserem Herzen. Tanz, Anna. Tanz!

Ein slawisches Sprichwort besagt:

Es sind die Lebenden,
die den Toten die Augen schließen.
Es sind die Toten,
die den Lebenden die Augen öffnen.

(Danke an Bianka aus dem BR ONLINE Forum)

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