Die Gefahr der Masse

von A.P.

Der Fall Drygalla veranschaulicht wohin Massenhysterie führen kann. Die Angst vor dem Staat ist in Zeiten des allwissenden Medienkonsumenten unbegründet. Wir sollten uns vor unseren eigenen Meinungen und Urteilen schützen.

Wir kennen die Szene aus alten Western. Der Fremde wird beschuldigt den Gaul gestohlen zu haben und im Zeitrahmen eines After-Dinner-Drinks versammelt sich die Dorfgemeinschaft mit Mistgabeln, Bratpfannen und Fäusten bestückt, um den Dieb zu hängen. Die Psychologie kann dieses Phänomen natürlich erklären. Aber dem Angeklagten nützt das wenig, wobei Hollywood selbstverständlich  keine Unschuldigen hängt. Der Irrtum löst sich auf und alle haben sich bevor der Vorhang fällt wieder lieb.

Die Verurteilten aus der Moderne haben häufig weniger Glück. Nach der öffentlichen Hinrichtung im Internet ist die Karriere zerstört, völlig losgelöst davon, ob die Angeklagten gegen das Gesetz verstoßen haben oder nicht. Die anschließende Strafverfolgung und das Urteil des legitimierten Gerichtes sind Nebensache und die Medien schenken diesen Tatsachen in der Regel wenig Beachtung, denn das Thema ist bereits gelutscht, verbraucht und verkauft.

An dieser Stelle wäre es jedoch unseriös die Berichterstattung anzuprangern. Denn der mündige und freie Bürger hat durchaus die Möglichkeit am Thema zu bleiben, allerdings ist die Wahrheit scheinbar das Letzte, was den modernen allwissenden Medienkonsumenten interessiert. Nachdem der persönliche Frust abgebaut ist, erlischt die Neugier an der Geschichte des Gehängten. Kollateralschäden; auf zur nächsten Story.

Gefährliche Ausmaße nimmt es an, wenn die Thematik braun gefärbt ist. Wer wagt da noch zu widersprechen? Niemand. Und genau das war schon die Gefahr bei den Nazis. Sie ließen keine anderen Meinungen, als die eigen aufgestellten Glaubenssätze zu. Hängt die Linken, Schwulen und Andersdenkenden. Hängt auch die Freunde der Juden. Letzteres kommt einem im Zusammenhang mit der Sportlerin Drygalla, die die olympischen Spiele verließ, da sie angeblich ein Techtelmechtel mit einem Neonazi hat, besonders bekannt vor.

Unser Herdentrieb ist mitunter für positive Emotionen zuständig. Wir schöpfen als soziale Wesen viel Kraft und Freude aus der Gemeinschaft. Wir sind uns einig, dass Neonazis und deren Freunde in unserer Gesellschaft unerwünscht sind, aber ist der Weg zum Galgen tatsächlich eine Lösung? Wenn wir das Privileg haben in einer gesunden und weltoffenen Wertegemeinschaft zu leben, können wir uns dann solche Shitstorms oder Vorverurteilungen erlauben?

Der moralische Anspruch ist im Falle der Sportlerin verlogen. Wenn wir bei uns allen auch nur wenige zeitgeschichtliche oder aktuelle Stufen in die Tiefe gehen, werden wir sehr schnell Leichen im Keller der eigenen Biografie, bei Freunden oder deren Familie finden, die einmal veröffentlicht schnell unsere Karriere beenden könnten. Es ist eine riskante Gratwanderung Menschen, die wir niemals zu Gesicht bekamen, zu verurteilen. Wenn wir öffentlich Steine werfen, sind wir Täter und Opfer zugleich, denn wir beschädigen uns selbst indem wir unseren rechtschaffenden Staat in Frage stellen.

Unsere Fähigkeit zur Liebe wird sehr schnell brüchig, wenn unser Gegenüber nicht unserem Ideal entspricht. Letzteres gepaart mit persönlichem Frust generiert eine seltsame Stimmung irgendwo zwischen  Antipathie und Hass. Die neugewonnene Freiheit der Vernetzung verleitet zu überhasteten Reaktionen und Wutausbrüchen. Etwas mehr Demut und Zurückhaltung würde uns gut zu Gesichte stehen. In der Liebe soll eine gesunde Portion Gelassenheit das beste Mittel für eine harmonische Lebensgemeinschaft sein.

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