Opferfest Türkei

von A.P.

Türkisches Weisbrot

Türkisches Weisbrot | Creative Commons by_sa | Autor: Antonymus

Dieser Tage findet in den islamischen Ländern das Opferfest statt, während die EU vor ihren Grenzen Menschen abweist. Ein Vergleich der Kulturen.

Mein Nachbar hat gut lachen, wie ich an seiner Kordel erkenne. Er hat den Zuschlag für ein Schaf bekommen und holt das Opfer nun vom Bauern ab. An den verkauften Tiere hängt ein Stück Schnur, während der Käufer die andere Hälfte bei der Abholung vorzeigt. Am Abend kommt seine Frau und überreicht mir einen Teller.

Sie sagt stolz „ET“, im türkischen für Fleisch. Die Fischerfamilie stammt ursprünglich von der Schwarzmeerküste. Dort wurde es ihnen zu eng, zudem versprach die Ägäis weltoffener zu sein. Praktisch für Kurden. Einmal pro Jahr fahren sie mit dem Auto „nach Hause“ zur Familie, da fliegen zu teuer ist. Die Fahrt dauert über 40 Stunden und der Fischer wird in Ordu Frau und Kinder zurücklassen, denn niemand zahlt ihm seinen Arbeitsausfall. Urlaub hat er noch nie gemacht, und er fragt mich warum. Warum Menschen irgendwo hinfahren, wo sie niemanden kennen, Ismail kann sich das nicht erklären, zudem hat er aber auch kein Geld für solche Extravaganza. Er ist sparsam, aber der Familie fehlt es an nichts, wenn ich dies über Gartenzaum richtig beurteilen kann. Die Ersparnisse des laufenden Jahres stecken nun in diesem jungen Schaf.

Es wird gedrittelt, ein Teil für Freunde und Bekannte, ein Teil für die Armen und Bedürftigen und das restliche „schlechtere“ Drittel ist für seine Familie bestimmt, so will es der Brauch. Er hat es auch heuer wieder geschafft, zu geben, was im Orient ein enorm wichtiges Statussymbol ist. Fleisch ist in der Türkei, wie in den angrenzenden muslimischen Ländern exorbitant teuer.

Geben ist seliger als Nehmen, meint nicht nur der Volksmund, sondern auch die moderne Glücksforschung. Der Fischer, um ihn nochmal zu bemühen, füttert das ganze Jahr über auch die umliegenden Straßenhunde und Katzen. Er beobachtet mit einem Lächeln von der Veranda aus seinen Sohn, wie er die wilden Tiere versorgt. Seine Frau sieht mit gemischten Gefühlen zu, denn die Tiere verunstalten ihren Garten regelmäßig, meint aber, ihnen bleibt keine andere Wahl, denn die Tiere haben Hunger. Über den Sommer wurden sie von den liebesbedürftigen Touristen fett gefüttert, warfen kurze Zeit später und im Winter hat hier jedes bewohnte Haus einen Privatzoo. Wie dem auch sei, die Tiere haben Hunger und Gott gab uns schließlich auch.

Wenn sich an den türkischen Grenzen Flüchtlingsdramen ereignen, wie aktuell in Syrien, geht der Staat an seine Grenzen und baut Zeltstädte, füttert und verarztet, denn es sind Brüder und Schwestern, die nebenan verrecken. Es wäre ein Gesichtsverlust Sondergleichen nicht zu geben, oder gar nachgesagt zu bekommen, die Menschen seien nicht satt geworden. Gebe, wenn du gaben kannst, und den Rest erledigt Gott, heißt es.

In den letzten Wochen habe ich sehr intensiv die Reaktionen verfolgt im Kontext von ertrinkenden Flüchtlingen vor Lampedusa. Die Kommentare mit ablehnender Haltung bekamen den höchsten Zuspruch. Diese Meinung wurden bis zum Erbrechen geliked, während die Anderen, die deutlich für das Geben plädierten, mit aggressiven Antworten, Zahlen und Statistiken rechnen mussten. Mein Nachbar würde zu diesem Thema nichts sagen, sondern nur lächeln. Es wäre kein seliges Lachen, sondern eher Mitgefühl, mit denjenigen, die sich es nicht leisten können zu Geben.

Die Glücksforschung hat weiter ermittelt, dass neben dem Geben, auch das soziale Verhalten und Empathie in großem Maße zur Zufriedenheit beitragen. Depressionen und Ängste sind bei dieser Gruppe anscheinend auch selten anzutreffen, weshalb Tiere auch keine Psychoanalytiker brauchen, denn wenn ihr Bauch voll ist, lassen sie den Rest vom Braten liegen, auch wenn sich das feindliche Rudel daran satt frisst.

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